Jjapaguri aka Ram-Don aus dem Film „Parasite“

Vielleicht habt ihr Bong Joon Hos Film „Parasite“ (기생충 Gisaengchung) gesehen und vielleicht habt ihr euch gefragt, was das merkwürdig schwarze Nudelgericht ist, das Chung-Sook (die Mutter) in Windeseile zubereiten soll und im Untertitel etwas irreführend als „Ram-Don“ bezeichnet wird.

Aus gegebenem Anlass (zur bevorstehenden Oscarverleihung) gibt es als Service des Hauses ein paar Hintergrundinfos zu diesem Gericht und zum Schluss sogar eine Anleitung (von einem Rezept zu sprechen wäre wohl zu viel angesichts der Tatsache, dass es sich hier um Instantnudeln handelt).

Was ist Ram-Don?
Ram-Don existiert (noch) nicht. Es ist ein reines Kunstwort aus Ramyun und Udon, das die Übersetzer des Films als Übersetzung für das nicht übersetzbare Wort Jjapaguri erfunden haben. In der koreanischen Originalfassung ist immer nur die Rede von Jjapaguri – nie von Ram-Don.

Was ist dann Jjapaguri?
Jjapaguri ist ebenfalls ein Portmanteau aus Chapagetti und Neoguri – zwei sehr bekannte (und sehr beliebte) Instantnudelsorten. Streng genommen müsste es daher Chapaguri heißen, aber irgendwie hat sich die Schreibweise Jjapaguri durchgesetzt.

Chapagetti ist die Instantversion des Nudelgerichts Jjajangmyun (Black Bean Noodles, hier mein Rezept dafür) mit gefriergetrockneten, winzigen Fleischersatzpartikel mysteriösen Ursprungs. Neoguri ist eine scharfe Instant-Nudelsuppe mit Meeresfrüchtegeschmack. Für Jjapaguri werden – wie der Name eventuell erahnen lässt – beide Sorten zusammen als ein Gericht zubereitet. Der salzig-süßliche und leicht fettige Geschmack der dunklen Chapagetti-Soße wird mit der Schärfe und dem künstlichen Meeresfrüchtearoma der Neoguri-Würzmischung ergänzt.

Wann und wie entstand Jjapaguri?
Gerüchten zufolge entstanden Vorreiter dieses Gerichts in diversen Militärbasen bzw. in der Armee (koreanische Soldaten gelten als ungemein innovativ und kreativ in der Erfindung neuartiger Gerichte auf Basis von Fertigprodukten, Anm. d. Red.). Chapagetti kam 1984 relativ spät auf den Markt, die ersten koreanischen Instant-Ramyun bereits ab 1963. Also, irgendwann ab Mitte der Achtziger gab es sowas wie Jjapaguri vielleicht – zumindest Mischungen von Chapagetti mit diversen anderen Ramyun-Sorten.

Doch ich möchte dieses Gericht gerne dem Moderator Sung-Joo Kim zuschreiben (er moderiert u.a. das koreanische Original „King of Mask Singer/The Masked Singer“).

Wirklich bekannt und beliebt wurde das Gericht nämlich unter seiner Wortschöpfung Jjapaguri erst Anfang 2013 nach einer Episode der Fernsehshow „Dad, where are we going“ (in der prominente Väter, darunter eben jener Sung-Joo Kim, mit ihren Kindern die ländliche Provinz bereisen und dabei u.a. auch für sie kochen mussten).

Hier seht ihr, wie Jjapaguri quasi das Licht der Welt erblickt und sofort zum Liebling der anwesenden Kinder avanciert (leider nur auf Koreanisch verfügbar – achtet bitte auf den bezaubernden Jungen mit der roten Bommelmütze, für seine Reaktion braucht man keine Übersetzung).

Und welches Essen wird nun im Film serviert?
Im Film ist eine dekadente Luxusversion eines Jjapaguri mit dicken Steakwürfeln zu sehen – einer der heißesten Trends im koreanischsprachigen Netz letzten Sommer.

In der Übersetzung des Films ist zwar nur von Sirloin/Steak die Rede, aber in der Originalfassung verlangt Frau Park ausdrücklich nach Hanwoo Chaeggeutsal 한우 채끝살 (Korean Beef Sirloin cut), damit die – für sie unerträglich billigen – Instantnudeln für ihren Sohn aufgewertet werden. Um die Pointe dieser Szene gänzlich zu erfassen, ist es vielleicht hilfreich zu wissen, dass in Südkorea ein enormer Preisunterschied besteht zwischen „normalem“ Rindfleisch (Importfleisch) und Hanu/Hanwoo (Premium Korean Beef). Oder wie Bong Joon Ho mal in einem Interview erwähnte: Kein „normaler“ Mensch würde Hanu/Hanwoo mit Instantnudeln vermengen.

Wie macht man Jjapaguri wie im Film „Parasite“?
Falls ich euch den Appetit auf Jjapaguri noch nicht verderben konnte, gibt es hier eine englische Anleitung (via Sa_darm). Auf eine eigene Anleitung habe ich getrost verzichtet, da das Netz bereits voll ist von Jjapaguri bzw. Sirloin Steak Jjapaguri.

Mein Lieblingsvideo zu diesem Thema ist jedoch das von SOF (nur Koreanisch). Hier wird auch sehr anschaulich dargestellt, wo sich der besagte Chaeggeut Cut befindet (in DE nimmt man einfach Roastbeef/Rumpsteak – in Südkorea wird das gesamte Roastbeef in 5 Cuts unterteilt und Chaeggeutsal befindet sich ganz am hinteren Ende über dem Filetkopf).

– – –

Neben all dem Hype um die sechs Oscarnominierungen für Bong Joon Hos „Parasite“ ist es fast ein wenig untergegangen, dass ein weiterer südkoreanischer Film in der Kategorie „Bester Dokumentar-Kurzfilm“ nominiert ist. Der Film „In the Absence“ von Yi Seung Jun beleuchtet still (aber schonungslos) wie Korruption, Unfähigkeit und eine lähmende Mischung aus Profilierungsdrang und Obrigkeitshörigkeit zum Sewol-Fährunglück führten. Das Ereignis war der Anfang vom Ende der damaligen Regierung Park Geun-Hyes.

Die genauen Hintergründe/Verantwortlichen der Tragödie (über 300 Menschen starben, darunter hauptsächlich Kinder) sind bis heute – nach fast sechs Jahren – nicht vollständig aufgeklärt. Nach jahrelangen Manipulationsvorwürfen wurde im November 2019 eine erneute Untersuchung aufgenommen. Was sicher ist: Die Tragödie in dem Ausmaß war vermeidbar.

Der Dokumentarfilm ist im Youtube-Kanal des Magazins The New Yorker für alle frei verfügbar: In the Absence.

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