Drei Mahlzeiten am Tag

Drei Männer. Eine Insel. Drei Mahlzeiten am Tag.

So einfach könnte man das Konzept eines (in Korea) ziemlich erfolgreichen kulinarischen Formats zusammenfassen. Hinzu kommen erschwerte Bedingungen: viel Wind, Eiseskälte, schlaue (weil nicht anbeißende) Fische und vor allem – Selbstversorgung.

In der Reality Cooking Show Three meals a day – Fishing Village werden zwei Best Buddies, die ganz nebenbei Top-Schauspieler sind (erstaunlich ist hier wirklich, dass sich die A-Liga die Ehre gibt und nicht, wie in Deutschland bei Reality-Shows üblich, die Z-Prominenz), fast 14 Stunden von Seoul entfernt auf eine der entlegensten Inseln des Landes gebracht. Sie müssen die schlichte wie für sie bisweilen fast unmögliche Aufgabe meistern, sich drei Mahlzeiten am Tag zuzubereiten – unter widrigen (wenn auch realitätsnahen) Umständen. Außer einem kleinen Gemüsegarten vor ihrem Häuschen und einem Dorfladen mit leergefegten Regalen, dessen Besitzer ohnehin fast nie anzutreffen ist und schnell zum Running Gag avanciert, finden sie nichts vor. Später wird ihnen als Maskottchen/Laufbursche eine dritte Person zur Seite gestellt. Sie alle müssen sich mit dem begnügen, was das Meer ihnen bietet. Welche Fähigkeiten sie aus sich herausholen können bestimmt letzlich, was bzw. ob sie was auf dem Teller haben.

Und bereits in der ersten Folge bringt es einer der Protagonisten auf den Punkt: „Wir beschäftigen uns viel zu sehr mit Essen! Ich dachte, ich käme hierher und esse, damit ich das Leben (auf dem Land) genießen kann. Stattdessen sind wir den ganzen (!) Tag nur damit beschäftigt, die drei Mahlzeiten am Tag sicherzustellen.“ Das ist vielleicht sogar das Dilemma der Selbstversorgung. Jedenfalls reißt dieser Moment jedem Städter, der insgeheim (oder sei es auch nur ganz flüchtig) mal von einer Art Selbstversorger-Karriere auf dem Land zu träumen wagte, den VSCO Filter von den rustikalen Hochglanzträumereien – wie sie auch gerne von einschlägigen Magazinen und einigen Blogs zelebriert werden. Was darunter bleibt ist Knochenarbeit. Kein Ausgleich. Nichts als simple life. Zumindest, wenn man genauso ahnungslos ist wie unsere drei Prominenten.

Dennoch ist ihre Entwicklung bemerkenswert: sie lernen trotz des heftigen Inselwindes Feuer anzufachen, basteln sich einfache Möbelstücke aus Holz und ein zweites Kochfeld aus einem Kanister, angeln (oder versuchen es), legen Reusen aus, kratzen Gim aka Nori von den Felsen (wie die hauchdünnen Noriblätter hergestellt werden, habe ich tatsächlich erst in dieser Sendung gesehen), schlagen Entenmuscheln ab, verwandeln eine offene Feuerstelle in einen Ofen und begnügen sich, wenn es sein muss, mit einer gekochten Süßkartoffel nach einem Tag ohne Fang. Und ganz nebenbei erfährt man als Zuschauer wie man Makgeolli (den traditionellen Reiswein) fermentiert, verschiedene Kimchisorten einlegt, unterschiedliche Fische und Meeresfrüchte filetiert und zubereitet. Hier entwickelt sich Mr. Cha Seung Won, ansonsten eher für testosteronhaltige Rollen bekannt, zum perfekten Hausmütterchen (samt Meckerliesequalitäten) mit ungeahnten Kochambitionen. Er serviert nicht nur ein einziges Fischeinerlei, wie man zunächst annehmen könnte, sondern zaubert neben Sashimi u.a. scharfe Nudelsuppen, Congee, Pizza, frittierte Fisch-Hotdogs und Fischklößchen-Suppe (mit Eomuk/Odeng from scratch!) und, und, und. Jede Kochherausforderung mit unbekannten Lebensmitteln nimmt er an – er zeigt vor allem eine unglaubliche Kreativität und macht aus wenig viel. Trotz limitierter Zutaten und mangelnder Gerätschaften stellt er abwechslungsreiche und schmackhafte Gerichte auf den Tisch. Und ihm dabei zuzusehen wie er sich diebisch freut, wenn es allen schmeckt (und alle warme Socken haben), ist eine reine Freude.

Darüber hinaus passiert nicht wirklich viel. Man schaut letztlich nur ein paar (bekannteren) Menschen zu, die kochen, um zu essen – und sich das Essen beschaffen. Und ich bin mir nicht sicher, ob ein deutsches Publikum überhaupt sowas als Kochshow annehmen würde. Geht man danach, was gerade in der deutschen Fernsehlandschaft kulinarisch geboten wird, so steht der gemeine deutsche Zuschauer wohl eher auf ein Kräftemessen in der Küche oder mehr oder minder fachliche Expertise in Form von Frontalunterricht. Wettbewerb ist ohnehin meist das zentrale Thema in Kochshows.

Das koreanische Publikum scheint leichter zufrieden. Einfach nur gucken, wie andere ganz unglamourös alltäglich kochen und essen. Oder eben nicht kochen. Denn in der eigentlichen Ursprungs-Show (das von mir beschriebene Three meals a day – Fishing Village ist nur ein Spinoff des Three meals a day – Jeongseon Country) schaut man sogar zwei kochtalentfreien Prominenten auf einer Farm zu, wie sie in der Küche immer wieder grandios scheitern, ahnungslos den Garten beackern und dabei auch noch regelmäßig Gäste bewirten. Eine weitere Kochshow mit unberechenbarem Ergebnis auf dem Teller.

10 thoughts on “Drei Mahlzeiten am Tag

  1. Das gefällt mir, im Gegensatz zu den üblichen Kochshows.Ich würde sowas auch gerne mal machen, davon träumte ich schon als Kind. Und mit meiner kleinen Bande habe ich das Selbstversorgen aus dem Wald und Bach spielerisch oft ausprobiert, dann aber doch das Essen der Mütter den gegrillten Stichlingen, verkohlten Pilzen und Grassuppen vorgezogen. Neulich waren wir mit Freunden im feinen Restaurant und haben festgestellt, dass diese Kinderträume bei uns allen noch da sind.

    • Eine schöne Vorstellung UND schöne Erinnerungen – Eline mit ihrer Bande… Ja, da ticken wir Foodies doch irgendwie im Gleichklang. Aber seit dieser Sendung traue ich mir allenfalls kurzzeitiges WWOOFing irgendwann mal im Urlaub zu.

      Die Sendung hat mich übrigens auch an diese „Cook it raw“ Konferenzen erinnert. Letztlich ja nichts anderes: regional sammeln, fischen, jagen – und mit den Produkten kochen. Schade ist nur, dass die Köche dort die Idee nicht konsequent verfolgen und schlussendlich doch „vorbestellte“ Zutaten verkocht werden. Damit geht viel von der eigentlichen Herausforderung und Kreativität verloren.
      Ich stelle mir gerade die deutschen Fernsehköche in der Wildnis vor…

    • In der „traditionellen“ Herstellung wird Gim/Nori (ähneln eher Flechten als großblättrigen Algen) wirklich mühsam von Felsen gekratzt und später einzeln in Bambusrahmen wie handgeschöpftes Papier hergestellt und auf Bambusmatten getrocknet. Die Methode ist fast identisch. Erntezeit ist mitten im Winter bei niedriger Wassertemperatur.

      Industriell (und modern) werden natürlich größere Algensorten kultiviert und kleingehäckselt.

      Ich frage mich ja immer, warum Algen in Europa nicht so verbreitet sind. In Teilen Englands und Irlands wurden sie ja traditionell gegessen. Es gibt einen ganz interessanten Algensammler in Schottland, dessen Produkte (Dulse) in der Arche des Geschmacks von Slow Food UK aufgenommen wurden.

  2. Bei so einer Regionalkonferenz der hippen Köche in Südtirol gab es schon auch mal Kurioses: ein peruanischer Koch präsentierte ein regionales Fischgericht aus dem Gebirgsbächlein – mit Zander :)))) Manchmal kommen sich Regionalität und Globalität etwas in die Quere, aber die Ansätze sind gut.

  3. Koreanische Variety-Shows sind ja sowieso total anders als alles, was es im deutschen Fernsehen so gibt. Und dass da dann auch „so richtige Stars“ mitmachen, gibt all dem noch mal die Würze🙂 Ich habe sowieso das Gefühl, dass das koreanische Publikum total darauf steht, den Stars bei ganz alltäglichen Dingen zuzusehen – allem Voran beim Kochen als auch Essen. Gerade letzteres wird im westlichen Fernsehen ja immer übergangen. Aber die obligatorische Schneide-Szene, bei der dann eine bekannte Persönlichkeit Gemüse schneidet, entlockt den Zuschauern im Hintergrund ja immer ein beeindrucktes „oooh“, was mich immer wieder aufs Neue entzückt muss ich sagen. Als wäre das so schwer, hahaha.

    • Wie Du sagtest, das koreanische Publikum ist ja schon zufrieden, wenn es Menschen überhaupt beim alltäglichen Kauen betrachtet. In allen (!) Shows wird ja mittlerweile wild gekaut! (und dabei auch mit obligatorischen oohhs und aahhs unterlegt ;))
      Ich muss zugeben, ich war leicht verwundert. Über die Verwunderung (auf internationalen Blogs) über das koreanische Phänomen „Muk-bang“. So koreanisch finde ich es nicht (allenfalls den Hang zur Monetarisierung – wenn ich mich nicht täusche, ist Südkorea das Geburtsland der kommerziell wirklich erfolgreichen Powerblogger). Ich liebe „Mind of a chef“ und „No Reservations“ (nicht nur, aber doch) hauptsächlich aus dem Grund. Ich könnte Chang und Bourdain stundenlang (!) einfach nur beim Essen und Kauen betrachten. Die müssten gar nicht kochen (nur kauen und reden). Da kommt wohl meine merkwürdige koreanische Seele durch.😉

  4. Für mich klingt diese Show ziemlich spannend, das würde ich sehr wohl das ein oder andere Mal einschalten. Dieses ganze Wettbewerbsgetue im deutschen Fernsehen finde ich unerträglich. Es ist eine einzige Selbstdarstellung, wer der lauteste, der hübscheste, der tollste ist und das ist einfach widerlich.
    Bei dieser koreanischen Show scheint man immerhin wirklich noch was lernen zu können!

    • Lernen im Sinne von genauen Rezepturen eher nicht. Mehr allgemeine Inspiration, Hintergrundinformation (über einzelne Zutaten) und Erkenntnis.😉 Davon jedoch reichlich.

Gedanken hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s