Off Topic

Immer noch in unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft, in der wir zu wissen scheinen, woher jedes noch so kleine Getreidekorn stammt oder wie das Leben des Tieres verlaufen ist, das gerade auf dem Teller liegt, werde ich, wenn ich auf fremde Leute treffe, häufig mit einer Frage konfrontiert, die mich für einen kurzen Moment immer etwas sprachlos macht: „Ah, Korea. Nord oder Süd?“
Als Nordkoreanerin wäre ich nicht hier. So einfach ist das. Nordkorea ist kein freiheitliches Land, in das man soeben ein und aus geht, wie es einem gefällt. Selbst innerhalb des Landes gilt eine strikte Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Ohne Genehmigung/Passierschein darf niemand seinen zugewiesenen Wohnort verlassen. Das wissen viele. Aber (zu) viele auch nicht.

Doch ich muss mich auch an meine eigene Nase greifen. Ich dachte lange, ich sei informiert, wüsste um den totalitären Staat, sein manipulatives System aus Gehorsam und Irrglauben in dem Kinder ihre Eltern ausspionieren und denunzieren sollen, die vorherrschende Sippenhaft über drei Generationen hinweg und die „Arbeitslager“.

Das ganze Ausmaß jedoch war mir bis letztes Jahr nicht bekannt. Vielleicht, weil ich, wie die meisten der jüngeren Generationen in Südkorea (sofern man nicht den linksradikalen Studentengruppen angehörte), nicht wirklich am Thema Nordkorea und einer Wiedervereinigung interessiert war. Vielleicht auch, weil mir/uns, im Gegensatz zu der älteren Generation, der Bezug fehlte – konkrete Gesichter fehlten.

Dieses Gesicht hat mir jetzt Shin Dong Hyuk gegeben. Seine erschütternde Lebensgeschichte (und Flucht aus Camp 14) bestätigt nicht diffuse, böse Vorahnungen über die sogenannten „Arbeitslager“. Sie dokumentiert vielmehr eine Wirklichkeit jenseits meiner Vorstellungskraft.
Die humanitäre Katastrophe (das Wort „Menschenrechtsverletzung“ scheint mir in diesem Kontext merkwürdig zynisch, inflationär und unpassend) in den offiziell stets dementierten Konzentrationslagern dort ist keine Vergangenheit, passiert jetzt in diesem Moment – und sie erhält bis jetzt kaum Beachtung in der Weltpolitik und Weltpresse. Die Gleichgültigkeit ist vielleicht das Unerträglichste daran.
Die UN hat nun erstmals die vorhandenen Informationen und Zeugen im Rahmen einer Untersuchungskommission geprüft und angehört. Am 17. März soll der Abschlußbericht offiziell dem UN-Menschenrechtsrat vorgelegt werden. Bereits seit dem 17. Februar ist der Bericht der Öffentlichkeit zugänglich. Er kommt (selbstverständlich) zu keinem überraschenden Ergebnis.
Erst wenn man genauer hinter die (leider) fast schon zu leeren Worthülsen verkommenen Begriffe wie „Hunger, Folter, Menschenrechtsverletzung“ blickt, wird man sich der wahren Lage bewußt. Oder wie die Untersuchungskommission formulierte: „Die Schwere, das enorme Ausmaß und die Art und Weise der in diesem Staat begangenen Verbrechen sind in der heutigen Welt beispiellos.“

Über Nordkorea zu reden ist schwierig. Jeder informiert sich gerne, doch niemand hört und liest gerne Unmenschliches. Darin liegt mitunter das Problem. Leichter ist es wegzuschauen, die Situation als aussichtslos und festgefahren zu betrachten, den Fokus auf die undurchschaubare (und letztlich doch so berechenbare) Führungselite und (in ihrer ganzen Absurdität) kuriose Massenveranstaltungen zu legen.
Welche Lösung es gibt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, eine politische (alles andere steht außer Frage) Lösung wird es – vorausgesetzt Japan und Russland halten ihre Eigeninteressen zurück – nur über China und die USA geben. Klingt fast utopisch. Zumal selbst in Südkorea die jahrelangen Bemühungen des früheren Präsidenten Kim Dae-Jung und seiner „Sonnenscheinpolitik“ mehr oder weniger zunichte gemacht wurden durch Lee Myung Bak (dem direkten Vorgänger und Parteifreund der amtierenden Staatspräsidentin).

Die komplizierte Geschichte des Korea-Konflikts reicht lange zurück, das Gerangel um strategische Vorteile in der Region ist immer noch groß und der Aufbau bzw. Erhalt eines Pufferstaates war und ist anscheinend der einzige gemeinsame Nenner aller Konflikt-Parteien. Zu Lasten der Zivilbevölkerung.

Damit der Fokus wieder zurecht gerückt wird, wünschte ich mir zumindest eine fundierte Medienberichterstattung über die Lage der Menschen vor Ort. Dafür muss man nicht nach Nordkorea reisen und sich dem vorgespielten Propaganda-Klamauk ausliefern. Ein gewisser Thrill und Zauber des Verbotenen schmeichelt vielleicht dem Ego. Doch wenn man am Ende nur über neueröffnete „Vergnügungsparks“ zu berichten weiß, ist man gar aktiver Teil des ganzen Theaters.
Man kann und muss nach Südkorea reisen, die dort lebenden ehemaligen Flüchtlinge mit ihren Geschichten anhören und ihnen Gehör verschaffen. Und das wieder und wieder. Nur so entsteht ein wahres Bild von innen.

Ich habe lange gezögert und überlegt, ob ich dies überhaupt auf meinem Blog veröffentlichen soll, ob dieser Ort überhaupt der richtige ist. Hier möchte ich mich eigentlich nur positiv dem Genuss widmen, nicht (Angst und) Schrecken verbreiten.
Doch heute – nachdem ich zwischenzeitlich diesen Beitrag gelöscht hatte – wurde der Film „Camp 14“ auf Arte ausgestrahlt. Das nehme ich nun zum Anlass. Er ist noch eine Woche in der Mediathek abrufbar.

[Edit: Marc Wieses Film ist nun auf Arte Future bis zum 4. April 2014 abrufbar.]

Weiterführende Links:

Der Film „Camp 14“ des deutschen Dokumentarfilmers Marc Wiese. [Der komplette Titel des Films lautet „Camp 14 – Total Control Zone“. Was wie ein schlechter, reißerischer Hollywood Blockbuster klingt, ist nur die übersetzte offizielle Bezeichnung für das Lager, in dem Shin Dong Hyuk die ersten 23 Jahre seines Lebens verbrachte und dem er bisher als einzige Person entkam. In diesem Film kommt nicht nur er zu Wort. Auch der „anderen Seite“ wird durch zwei ehemalige Täter (die scheinbar unbehelligt nun in Südkorea leben und interessanterweise Angst vor einer Wiedervereinigung haben) ein Gesicht gegeben.]

Das Buch „Flucht aus Camp 14“
[Die Geschichte über Shin Dong Hyuk geschrieben von dem amerikanischen Journalisten Blaine Harden.]

Adam Johnsons Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“. [Ein Buch, das ich aus diversen Gründen nicht sonderlich mochte. Jedoch bin ich erst über dieses Buch auf Shin Dong Hyuk gestoßen, da ich wissen wollte auf welche Fakten, Quellen und Recherchen die teils unfassbaren Aussagen des Romans basieren.]

Interview mit Shin Dong Hyuk
Rezension des Films „Camp 14“
Rezension des Romans „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“
Wikipedia Camp 14
GoogleTechTalks mit LiNK/Adrian Hong und Shin Dong Hyuk

19 thoughts on “Off Topic

  1. Khamsahamnida!! Ich bin bewegt, allein von Deinem Text, er gehört weiter veröffentlicht, an prominenterer Stelle, aber dazu kann ich Dir leider nicht helfen.
    Du hast das super gemacht mit dem Text und den weiterführenden Links.

  2. Warum sollte man den eigenen Blog nicht auch mal nutzen, um auf Sachen hinzuweisen, die einem wichtig sind? Danke für den Tipp! Gerade noch rechtzeitig, um die verpasste Sendung doch noch ansehen zu können.

  3. Ich find’s großartig dass du hier über die Situation in Nordkorea schreibst. Die Welt ist nicht nur heil und niedlich. Gerade Nordkorea ist ein Land von dem man kaum eine Vorstellung hat. Deshalb ist es wichtig darüber zu schreiben.

  4. ich hab den Roman von Johnson gelesen. Es interessiert mich, aus welchen Gründen du ihn nicht mochtest. Ich hab ihn nämlich auch mit zwiespältigen Gefühlen gelesen. Jetzt werde ich mir wohl das Buch von Shin besorgen.

    • hm, wo soll ich anfangen. es waren einige aspekte. anfänglich hat mich der „abenteuerliche“, simplicissimushafte, stakkatoartige handlungsstrang (und erzählstil) genervt, der mir absolut nicht plausibel schien (und ich mag leider filme und bücher mit plotschwächen nicht, also wenn sie nicht in sich schlüssig sind, da fängt mein gehirn zu rattern an und macht ständig laute zwischenrufe). z.B. würde man „dort“ niemals einen waisen in englisch unterrichten (falls es ein job so dringend verlangt, würde man einfach einen anderen nehmen – weiterführende bildung ist nur den oberen kadern vorbehalten), geschweige denn ins ausland senden (er hat ja keine familie, die man sozusagen als „geisel“ bis zur rückkehr festsetzen kann, um von vornherein jegliche konsequenzen einer flucht klarzustellen – übrigens ist das die tragödie hinter jeder gelungenen flucht…dass familienmitglieder zurückbleiben, die die folgen einer republikflucht aushalten müssen; wenn von politischen gefangenen oder gefährlichen regimegegnern die rede ist, sind u.a. genau solche ahnungslose menschen gemeint). vom „märchenhaften“ aufstieg von der grubenhöhle bis in den obersten kreis mal ganz abgesehen…ist halt ein roman. einiges scheint zudem belanglos, ok, im zweiten teil fügt sich vieles wie ein puzzle zusammen – aber eben nicht alles.

      das sind jedoch alles kleinigkeiten. grundsätzlich hat mich wahrscheinlich die tatsache mehr gestört, dass ausgerechnet (!) ein amerikaner versucht sich in einen nordkoreaner hineinzuversetzen. das kann nicht gutgehen bzw. endet letztlich genau in einer sehr amerikanischen, heroischen geschichte (held rettet frau und kinder, bleibt aber allein in der hölle zurück – da kommt mir unweigerlich ständig bruce willis in den sinn). nicht nur typische ideale und werte werden hochgehalten. es ist ganz klar, die amerikaner selbst sind die retter und stehen stets souverän und elegant über boshafte spielereien und provokationen der nordkoreaner. das buch ist in gewisser weise propaganda. das habe ich, naiv wie ich bin, in dieser banalen schwarzweißmalerei nicht erwartet (und dabei sympathisiere ich weiß gott nicht mit NK).

      das paradoxe und ambivalente an dieser fiktion – die als reine erfindung alle „ungenauigkeiten“ zulässt bzw. entschuldigt – ist jedoch, dass ausgerechnet die unfassbarsten stellen (ausnahmsweise) nicht der phantasie entsprungen sind.

      und was war es bei dir, uschi?

  5. „Die Gleichgültigkeit ist vielleicht das Unerträglichste daran.“
    Genau darüber empöre ich mich schon lange.
    Vielen Dank für Deine Worte, die hoffentlich von vielen Menschen gelesen werden.

  6. Ich habe vor ein paar Jahren im Winter mal am Dokumentationszentrum an der Grenze gestanden. Gerade vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Geschichte war es ein sehr merkwürdiges Gefühl dort zu stehen mit all den Soldaten mit Gewehr im Anschlag, Stacheldrahtwellen und Schildern „Vorsicht Vermient“ um einen rum und in dem Bewusstsein, dass es hier wie dort doch nur Menschen sind. Das ganze hatte etwas Absurdes und ich hoffe sehr, dass sich das ganze irgendwann friedlich lösen lassen wird.

  7. Ich verfolge die Situation in Nordkorea mit einer merkwürdigen Mischung aus Fassungslosigkeit und Faszination schon lange. Und jedes mal, wen ich solche Berichte lese oder sehe, frage ich mich, wie Menschen so ein Regime erschaffen und ertragen und die Menschheit dies zulassen kann. Gerade wir Deutschen sollten ein geschärftes Gespür dafür haben und alles dafür tun, damit sich die Situation wenigstens bessert. Aber was kann man tun? Nun, auf jeden Fall immer wieder darüber berichten. Gerade auch dort, wo man es vielleicht nicht erwartet. Niemand soll je wieder sagen können, er hätte davon nichts gewußt! Danke für deinen Bericht!

  8. Danke für diesen sehr wichtigen Beitrag!
    Ehrlich gesagt trau ich mir den Film gar nicht anschauen. Ich bin ein Weichei und kann so etwas kaum ertragen. Vor allem die Hilflosigkeit, weil man wenig bis gar nichts ändern kann, finde ich schrecklich.

  9. Ich finde es auch sehr wichtig, dass man darüber schreibt. Ich habe vor einer Weile einen Artikel über Shin Dong Hyuk gelesen, der zumindest einen vage Einblick in den Horror, den er und so viele andere durchleben mussten und müssen, vermittelt hat. Ob ich die Doku anschaue, weiss ich noch nicht, da geht es mir wie meiner Vorrednerin. Auf der anderen Seite ist es auch wichtig, dass man nicht einfach die Augen verschließt.

    • @ alle: danke, dass ihr euch zeit genommen und eure gedanken hinterlassen habt. dass ich die offensten und vielseitig interessiertesten leser aller zeiten habe, ahnte ich. jetzt weiß ich es.

      und noch:

      감사합니다 , erich.

      susi und tina, in der erstfassung meines beitrags hatte ich tatsächlich eine kleine „warnung“ eingebaut. man „muss“ diesen film nicht sehen. so wichtig und richtig dieser film auch ist, stellenweise ist er unerträglich (auch wenn marc wiese so behutsam wie irgendmöglich sich diesem thema angenähert hat). ich brauchte auch pausen zwischendurch.
      viel wichtiger ist es zu wissen, dass es menschen wie shin dong-hyuk gibt. daher auch die anderen (lese)links unten.

  10. Muss komisch sein, wenn man tatsächlich gefragt wird, ob man aus Nordkorea kommt… ich wüsste auch nicht genau, wie ich anhand solchen Unwissens reagieren würde.
    Wie Susi, bin auch ich wahrscheinlich zu viel Weichei, um mir diesen Film anzusehen, meine Fantasie reicht da leider schon aus.
    Ich habe mir trotzdem in der Vergangenheit schon oft Gedanken gemacht, wie es wohl sein muss, in diesem Land des Irrsinns zu leben😦 wie es denn wirklich ist, können wir Kinder der Überflussgesellschaft und der Freiheit uns wohl gar nicht vorstellen.
    Eigentlich wollte ich gerade meine Blog-, Lese- und Kommentierpause wg. Umzugs beginnen, aber den Artikel fand ich dann doch zu interessant…

  11. Deinen Blog habe ich über Zora gefunden und musste einfach mal rumstöbern bei Dir weil ich bei meinen Reisen nach Korea die Küche kennen- und lieben gelernt habe. Selten habe ich in Asien so herzhaft und oft zugegriffen wie dort.
    Aber einen Kommentar möchte ich Dir zu diesem Thema hinterlassen. Das Buch habe ich von einem bekommen der oft in Nord Korea ist und dort versucht humanitär zu arbeiten. Die Arbeit, darum hat er gebeten, soll ich nicht näher beschreiben, aber die Erlebnisse von denen er erzählte haben mich schon erschreckt und nachdenklich gemacht. Das Buch ist ein Zeugnis der menschlichen Tragödie und des Grauens das jeder lesen sollte, obwohl es an vielen Stellen ein solches Unwohlsein erzeugt, dass es manchmal schwierig ist weiterzulesen was ich dann aber doch gemacht habe und das Buch in 2 Tagen fertig gelesen habe. Das es einen Film dazu gibt habe ich nicht gewusst, werde diesen aber sofort suchen und mir zur Genüge führen…

    • ich freue mich sehr, dass du gerade zu diesem beitrag deine gedanken hinterlassen hast. interessant was du über deinen freund erzählst. eine gefährliche arbeit. du meinst sicherlich mit dem „buch“ das buch von blaine harden?
      den film findest du übrigens auf der arte seite (link oben). der regisseur marc wiese steht dort bis zum 12. märz sogar persönlich für rückfragen oder diskussion zur verfügung. der film ist nun (ich denke, wegen der nachfrage) sogar bis 4.4. auf „arte future“ abrufbar.

  12. Bin schon auf Arte und habe den Film lokalisiert, besten Dank für den Tipp. Wird sicher interessant den anzuschauen. Ja das Buch von Blaine habe ich gemeint. Ein düsteres Buch und ein düsteres Schicksal…

  13. liebe missboulette,
    genau das hat mich gestört. Dass ein Amerikaner drüber schreibt – es ist ja so einfach, als Amerikaner über die bösen Nordkoreaner herzuziehen. Gleichzeitig haben mich die detaillierten Schilderungen aus dem Lager oder in den Kellern frösteln lassen. Ich hab auch mit dem Mitkoch drüber diskutiert, der von Anfang an gesagt hat, ein Buch über Nordkorea von einem Amerikaner liest er nicht, da kann er sich vorstellen, wie darin die einen und die anderen wegkommen.
    Trotzdem bin ich froh, es gelesen zu haben, es hat meine Aufmerksamkeit mehr auf dieses Land und seine Bevölkerung gelenkt. Ich verfolge seitedem Berichte kritischer und höre genauer hin – und wenn das für viele Leser gilt, ist ja auch schon ein bisschen was erreicht!

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