Kimchi + Sohyun Jung

sohyun1

Irgendwann als ich, nach eigentlich ungewollten Abschieden und Verlusten, rastlos getrieben mal wieder irgendwo in einer neuen Stadt saß, noch ohne kartonverpackte Heimat (meine Bücher, meine Musik, meine Fotos, meine Bilder, meine Gedanken) um mich herum, noch ohne Küche und vor allem noch ohne Kimchi – in einem Moment, in dem scheinbar alles richtig ist und sich doch alles falsch anfühlt – da fing mich eine liebe Freundin auf. Mit einem riesigen (!) Kopf Chinakohl. Um diesen außerhalb der Saison aufzutreiben, hatte sie zuvor fast die ganze Stadt von Nord nach Süd und West nach Ost durchkämmt. Sie brachte ihn vorbei mit den Worten: „Mach dir Kimchi.“ Und ich machte mir Kimchi – und alles fühlte sich schon besser an.

sohyun2

An diese Begebenheit musste ich kurz denken, als ich „Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen“ las. In dieser Graphic Novel erzählt Sohyun Jung, eine koreanische Kunststudentin aus Hamburg, eine herzerwärmende kleine Geschichte über Aufbruch, Suche, Unabhängigkeit, Heimweh, Wärme – all das verpackt um das Geheimnis eines guten Kimchis. Eine wunderbar verfasste Rezension darüber kann man auf Stevans NutriCulinary lesen.

sohyun4

Graphic Novels haben in Korea als Manhwa schon eine lange Tradition und eine breite Anhängerschaft. Einige der beliebtesten Serien und Filme basieren auf komplex ausgearbeiteten Comics, manche von ihnen sogar mit einem starken Bezug zur Kulinarik (wie Sikgaek aka Gourmet nach der gleichnamigen Vorlage des bekannten Comic-Künstlers Huh Young Man). Doch Sohyuns Geschichte um die junge Hana, die von Korea nach Deutschland zieht und hier zunächst vergeblich versucht, den Geschmack ihrer Heimat nachzubauen, war meine allererste Graphic Novel. Sohyun hat mich mit dieser atmosphärisch illustrierten Geschichte sofort neugierig gemacht und mir gleichzeitig eine perfekte Gelegenheit geboten, meine derzeit etwas stillgelegte Reihe Kimchi + aufzugreifen und alternativ mal als kleines Interview fortzusetzen. Ich freue mich sehr, dass sie mir bereitwillig einige Fragen beantwortet hat. Vielen Dank dafür!

Erzähl mir doch zunächst etwas über dich und dein Buchprojekt. Wie kam es zu der Graphic Novel und wie bist du auf das Thema Kimchi gestoßen?

Ich zeichne eigentlich, seit ich denken kann, aber mit der Graphic Novel bin ich erst vor ein paar Jahren in Kontakt gekommen. Die Graphic Novel erlebt ja seit einiger Zeit einen großen Boom. In den Schaufenstern der Buchläden werden die schönsten Plätze für sie freigeräumt. Comics faszinieren mich allerdings schon länger. Ich bin ich mit den koreanischen Manhwas aufgewachsen, deren Erzählweise oft schon viel atmosphärischer und dichter ist als bei amerikanischen oder europäischen Bildgeschichten. Deshalb war es für mich auch nicht neu, dass Comics eine gewisse Komplexität erreichen können – also nicht bloß als dünne Heftchen zur Kinderbelustigung funktionieren. Aber gerade zeichnerisch und erzählerisch hat mich die Innovationsflut im Bereich Graphic Novel nochmal ganz anders für die Bilderzählung sensibilisiert.

„Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen“ ist mein erster Comic. Meine Professorin, Anke Feuchtenberger, riet mir, mit einem Thema zu beginnen, in dem ich mich bereits auskenne. So bin ich auf Kimchi gekommen, denn Kimchi ist nicht nur eine koreanische Beilage, sondern hat für viele Koreaner fast schon eine seelische Bedeutung – obwohl es auf der anderen Seite etwas so alltägliches ist. Ich dachte das könnte auch für deutsche Leser interessant sein, weil sich darüber auch allgemein über den Zusammenhang von Essen und Kultur nachdenken lässt.

Du bist für dein Studium nach Deutschland gekommen. Was ist dir hier zuerst kulinarisch aufgefallen? Hast du etwas (aus Korea) vermisst?

Insgesamt wird in Deutschland aufs Essen viel weniger Wert gelegt als in Korea. In der Regel ist das Essen schnell und einfach, was schließlich auch seinen Charakter bestimmt. In Korea sagt man „satt gestorbene Geister sehen besser aus“. Also, selbst wenn du gleich stirbst oder andere große Probleme hast: Iss erstmal! Koreanisches Essen ist von seinen Zutaten her, aber auch in der Kochweise extrem vielfältig. Das bedeutet aber auch mehr Arbeit. Zum Beispiel Bibimbab. Der Reis ist gekocht, das Gemüse gebraten, das Fleisch eingelegt, das Ei ist noch roh. Das Steingeschirr ist heiß wie Feuer, während das Ei noch kalt ist. Schließlich werden all die schön sortierten Zutaten wild und schnell mit Chili-Paste und Sesamöl durchmischt. Das ist fast schon wie ein Gedicht. Eine poetische Alltagszeremonie. Das habe ich vermisst.

Wie viel von dir steckt in Hana, deine Protagonistin in der Erzählung, oder anders gefragt, wie hast du dein Heimweh kulinarisch überwunden? Kann Kimchi Heimweh kurieren?

Sicher hat Hana auch einiges von mir. Viele Elemente der Geschichte haben ihre Wurzeln in meinem persönlichen Umfeld. Manche erkennen zum Beispiel den Asialaden in der Hamburger Schanze wieder, wo ich wohne. Solche Ähnlichkeiten waren nicht unbedingt geplant, sie haben sich einfach ergeben. Die Geschichte ist allerdings erfunden. Sie folgt eher der klassischen Märchenform: die lange Reise, das Scheitern und schließlich die Rückkehr mit einer kleinen Erkenntnis im Gepäck.

Mehr als ums kulinarische Heimweh geht es am Ende eigentlich um die Wärme. Natürlich kann ich hier kulinarisch den koreanischen Geschmack nachkochen. Das Heimweh von Hana äußert sich zwar übers Essen, es geht aber eher um die vertrauten Personen, Familie und Freunde, die sie vermisst. Mir ging es auch so: Als ich mal in Deutschland krank war, hat meine beste Freundin mir eine deutsche Suppe gekocht. Das hat mein Heimweh mehr kuriert, als jedes koreanische Essen es gekonnt hätte.

Und was ist deiner Meinung nach das Geheimnis eines guten Kimchis?

Ich bin kein Profi. Für das Comic habe ich meine Mutter interviewt und in Kochbüchern und Internetforen recherchieren müssen. Meine Mutter sagte: „Nimm frische Garnelen und guten Jeotgal! Aber auch das Verhältnis der Soße ist wichtig…“ Ich glaube, es ist wirklich bei jedem anders. Ich habe sogar die Erfahrung gemacht, dass mir Kimchi in Deutschland besser schmeckt als in Korea. In Korea gibt es ihn in jedem kleinen Imbiss. Er ist die wichtigste Beilage. Das heißt aber auch, dass es ihn immer und überall gibt. Er ist nichts Besonderes. In Deutschland ist das anders. Hier wird er regelrecht zu einem Symbol für Korea. Als ich anfangs über Monate keinen Kimchi gegessen habe, fühlte ich mich am Ende wie ein Süchtiger auf Entzug. Und als ich dann endlich wieder Kimchi im Mund hatte… ein Feuerwerk!

Deine Lieblingsgerichte aus Deutschland und Korea (neben Kimchi)?

Es gibt auch tolles deutsches Essen! Die schwäbische Küche zum Beispiel: Maultasche im Ei-Mantel oder Spätzle! Ich mag auch Bratwurst, die bayrische Weißwurst nicht zu vergessen. Oder Rouladen mit Rotkohl und Klößen. Wenn’s auch Getränke sein dürfen: Pilsener vom Fass. Oder ein kühles Kölsch… oh, ich bekomme schon Hunger beim Aufzählen. Beim koreanischen Essen mag ich… eigentlich alles. Von traditionellen Speisen bis hin zum Fusionfood, wie sie u.a. in deiner Reihe „Kimchi+“ vorgestellt werden! Was ich an der koreanischen Küche bewundere ist ihre Sensibilität für geschmackliche Verwandtschaften. Nicht nur innerhalb eines Gerichts wird das genau durchdacht; es geht bis hin zum Charakter derjenigen, die das Gericht essen sollen.

(Zum Schluss ganz uneigennützig für den nächsten Hamburg-Trip:) Dein Lieblingskoreaner in der Stadt?

Keine Frage: das Hanmi-Restaurant im Grindelviertel! Manche Koreaner, die Hamburg besuchen, sagen sogar, es sei besser als jedes Restaurant in Seoul. Sie benutzen frische Zutaten, haben einen authentischen Geschmack und eine sehr traditionelle Art der Zubereitung. Der Oma-Charakter in meinem Comic, der Hana schließlich das Geheimnis des Kimchi verrät, ist der Köchin vom Hanmi nachempfunden.

Wer jetzt auf Sohyuns Bilderzählung „Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen“ (mit einem illustrierten Kimchi-Rezept) neugierig geworden ist, kann sich auf eine Warteliste setzen lassen. Aktuell wird noch ein Verlag gesucht. Meldet euch zahlreich! Kontakt: jungsohyun@yahoo.de

alle Bilder: Sohyun Jung_Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen ©2013 by Sohyun Jung

10 thoughts on “Kimchi + Sohyun Jung

  1. …..so unterhaltsam, appetitanregend und dazu noch informativ das ist einfach schön. Würde gerne noch mehr erfahren. Auf die Bilderzählung bin ich wirklich neugierig – nein ich würde fast schon sagen heiß geworden.

    • ja, der verlag hat mich bereits kontaktiert. sobald die zeit es zulässt, wird es hier eine besprechung geben. ich danke dir trotzdem für deine nachricht, peter.

  2. Pingback: Kurze Notiz zum Wochenende | missboulette

Gedanken hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s