Ein ideales Sommeressen…

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so dachte ich. Angeregt von kleinen knackigen Freilandgurken und saftig aromatischen Tomaten, die es derzeit in Hülle und Fülle gibt, und inspiriert von diesen Bildern, die ich seit ihrer Entdeckung nicht mehr aus dem Kopf bekomme, wurde es langsam Zeit für selbstgemachte Lahmacun.

Warum selbst machen, wo sie doch überall für (sehr) wenig Geld erhältlich sind? Äh…

Der Geschmack? Nein, ich bilde mir nicht ein, besser türkisch kochen zu können als die Türken. Irgendwie können die nämlich alle kochen. Wobei es bei näherer Betrachtung eklatante Unterschiede zwischen den Lahmacuns gibt. Von dicklabberiggummiartig mit schmierigem Belag bis hin zu dünnfeinweichknusprig und aromatisch ist vieles möglich. Ein Ofen im Laden ist schon mal vertrauenserweckend. Eine Extraschale Pul Biber auf der Theke auch. Eine sehr übersichtliche Karte (nur Lahmacun, allenfalls noch Pide oder Börek) ist ein klares Versprechen.

Die Qualität? Jein. Gerichte aus der eigenen Küche haben ja bekanntlich den großartigen Vorteil, dass man entscheidend auf die Qualität der Grundzutaten Einfluss nehmen kann, genau die Transparenz herrscht, welche man sich als Verbraucher bei vielen Produkten wünscht. Aber deswegen jeden feinen Duft ignorieren, der aus nicht-zertifizierten gewerblichen Küchen strömt? So ein disziplinierter Mensch bin ich nicht. Schaff‘ ich nicht. Übersteigt in der Konsequenz meine Möglichkeiten. Ich schaffe es ja noch nicht mal konsequent meinen Kleiderschrank zu konsolidieren, so wie schon Vivienne Westwood mal propagierte: Buy less, choose well. Vom angestrebten (grünen) Ziel bin ich noch weit entfernt…
Doch wo waren wir: Selbstgemachte Lahmacun sind zwar „transparenter“, vielleicht sogar qualitativ besser, aber das ist grundsätzlich kein schlagendes Argument (s.o. Geschmack).

Also? Mittendrin in meinem ersten Lahmacun-Projekt, während ich langsam anfing zu schwitzen, weil ich nicht bedacht hatte, dass auf mein Blech jeweils nur eine einzige runde Pizza passt, ich noch mindestens fünf weitere backen muss, jede davon etwa 8 Minuten im Ofen bei 200 Grad benötigt, als parallele Vorarbeit während der Backzeit nur das Auswalken des Teiges in Frage kommt (schlaue Notiz, die erste: Arbeitsfläche mit VIEL Mehl bestäuben, sonst klebt der dünne Teig nach einigen Minuten Wartezeit auf der Arbeitsfläche fest und alles muss nochmal gemacht werden – nicht fluchen), das Belegen immer nur erst auf dem heißen Blech stattfinden kann (schlaue Notiz, die zweite: erste schlaue Notiz vergessen und alle Pizzen gleich auf Backpapier fertig vorbereiten und diese später aufs Blech ziehen für schnellen, effizienten Wechsel), sich somit die ganze Backaktion mit allem Drum und Dran (incl. Fotos knipsen) locker über anderthalb Stunden ziehen kann, nebendran der Ofen immer schön heiß weiter brummt und bei jedem Öffnen der Tür noch mehr heißen Dampf herausschleudert – kurz – als ich nach fast zwei Stunden unfreiwilliger Dampfsauna (und dabei ertrage ich KEINE Hitze, geschweige denn eine Sauna) einen kurzen Moment bereute, dass ich mal wieder (!) an einem der heißesten Tage der vergangenen Wochen KOCHEN musste (WOLLTE trifft es wohl besser), fiel mir der einzig wahre Grund ein, warum man freiwillig solcherlei Projekte wagt: Man muss bekloppt sein. Ich muss bekloppt sein. Lahmacun ist bei mir eindeutig auf der Liste der (unkomplizierten) Sommeressen ganz weit nach unten gerutscht. Und eine schlaue Liste für die Zukunft habe ich jetzt gleich miterstellt:

  • schlaue Notizen von oben berücksichtigen
  • den Teig so portionieren, dass man zumindest zwei kleinere Pizzen gleichzeitig backen kann
  • besser noch: den Blech optimal ausnutzen (bei mir wird es ab sofort nur noch rechteckige Riesen-Lahmacuns geben)
  • ab und an doch die Außentemperatur in die Überlegungen mit einbeziehen, was man kochen soll (oder nicht)
  • Lahmacun am besten ganz von der Sommeressen-Liste streichen und auf die Winteressen-Liste setzen (dann nur mit Zitronenschnitzen – der Claudio war so schlau und hat alles richtig gemacht)

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Ob ich die Punkte tatsächlich umsetzen werde bleibt fraglich, denn schon nach dem ersten Bissen (gefühlte Stunden später) war ich fast schon wieder versöhnt. Die frischen kalten Gurken und Tomaten mit viel Zitronensaft machten sich nämlich unheimlich gut zu den lauwarmen, frisch eingerollten Lahmacuns, die für den ersten Versuch erstaunlich gut gelungen waren. Aber vor allem: Ein Lüftchen wehte. Endlich. Dazu Lahmacun. Göttlich. Vielleicht doch ein perfektes Sommeressen?

Hilfreich war der Tipp, die fertigen Lahmacuns noch heiß auf einem Teller übereinander zu stapeln und entweder mit einem Tuch abzudecken oder gleich in einer (sauberen) Mülltüte zu verschließen (habe ich gemacht, weil ich diese Methode schon für Röstpaprika schätze). So staut sich die Hitze, der Inhalt kann schwitzen und der sehr dünne, zunächst knusprige Teig wird elastisch genug für das spätere Aufrollen.

Für den Teig wählte ich natürlich den bewährten dünnen Pizzateig nach Jamie Oliver, für den Belag war ich zunächst auf der Suche nach türkischen Quellen. Hier und hier wurde ich fündig, und mein neuer türkischer Freund Ahmet hat mir auch geholfen. Letztlich habe ich mich für eine Mischung aus allem entschieden. Und das nächste Mal versuche ich unbedingt noch Claudios vorgegarte Version, von der Ylva schon so schwärmte. Dann schließt sich der Kreis. Und ihr müsst mir verzeihen, dass diesmal die Bilder besonders unscharf sind. Sauna.

lahmacun

Lahmacun
inspiriert und adaptiert von Anonyme Köche, Sannas Hexenküche, Meine türkische Küchenwelt

Zutaten für 6 Stück (ca. 25 cm)

Teig (nach Jamie Olivers Pizzateig-Grundrezept):
250 g Mehl
160 ml Wasser, lauwarm
½ Packung Trockenhefe
1 TL Zucker
1 EL Olivenöl
1 TL Meersalz
Belag:
300 g Hackfleisch (Lamm, Rind)
300 g passierte Tomaten
2 Zwiebel, mittel
1 Spitzpaprika (rot oder grün)
1 EL Tomatenmark
2 EL Öl
1 Knoblauchzehe
1 TL Paprikapulver, süß
½  TL Paprika, scharf (ich nahm Gochugaru)
Petersilie, fein gehackt (ca. 3-4 EL)
Salz, Pfeffer nach Geschmack
Prise Zucker
optional nahm ich zusätzlich:
2 kleine grüne Chilis (war aber schon sehr scharf, selbst für mich)
etwas Paprikamark, falls vorhanden
Salatfüllung:
Gurken, Tomaten, Lauchzwiebel, (etwas) Petersilie, (viel) Zitronensaft
(kein Salz, so kann man das Gemüse länger stehen lassen, evtl. vorbereiten)

Zubereitung:

  1. Teig: Wasser und Hefe vermengen und ca. 10 min. stehen lassen. Mehl, Zucker mischen, die flüssige Hefemischung einfüllen und grob mit einem Holzlöffel vermengen. Salz und Öl hinzufügen und alles zu einem elastischen Teig kneten, bis er sich gut von der Schüssel löst. Abgedeckt an einem warmen Ort mindestens 1 Stunde gehen lassen, bis das doppelte Volumen entstanden ist. Nochmals kurz kneten und in 6 gleichmäßige Kugeln unterteilen. Weitere 10 min. abgedeckt ruhen lassen (damit sich der Teig nicht zusammenzieht).
  2. Belag: Gemüse sehr, sehr fein hacken, mit allen restlichen Zutaten und Gewürzen gut vermengen und abschmecken. Kräftig mit den Fingern kneten, da die passierten Tomaten anfänglich zu viel erscheinen und alles zu flüssig wirkt. Doch wenn das Fleisch und Gemüse richtig eingearbeitet ist, erhält man eine schöne Konsistenz, die sich gut verteilen lässt.
  3. Backen: Für jede Pizza eine Teigkugel entnehmen, Arbeitsfläche (oder gleich auf dem Backpapier s.o. aka schlaue Notiz) mit Mehl bestäuben und mit dem Holz rund auswalken. Anschließend noch mit beiden Händen von innen nach außen in drehenden Bewegungen den Teig größer ziehen, bis der Teig nur noch 2-3 mm dünn ist. Auf jede Pizza 2 sehr größzügig gehäufte Esslöffel der Fleischmasse verteilen. In den vorgeheizten Ofen auf unterster Schiene 8 Minuten bei 200 Grad (oder bis die Füllung nicht mehr blubbert, bei mir waren es immer exakt diese 8 Minuten). Sobald eine Pizza fertig ist, diese noch heiß in einer Tüte (mit Teller) oder unter einem Küchentuch „schwitzen“ lassen. Alle fertigen Pizzen einfach übereinander stapeln. Sobald alle fertig sind, die Pizzen auf einem Blech übereinandergestapelt im nun ausgeschalteten Ofen wieder „aufwärmen“. Mit Salatfüllung servieren. Nach Wahl noch etwas Pul Biber streuen. Aufrollen, aufessen.
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13 Kommentare zu “Ein ideales Sommeressen…

  1. Sieht Hammer lecker aus! (Allein dafür sollte sich die Schitzerei gelohnt haben ;)!

    Und das Vivienne Zitat merke ich mir – aber umsetzten, pfff….NIE wieder Klamottenfehlkäufe…. klingt auf jeden Fall gut!

    • manchmal lohnt sich das schwitzen. 😉 und fehlkäufe sind ja nicht per se schlecht, nur wenn sie massiv auftreten (gerne von vertikalen anbietern) wird es in der tat problematisch für alle.

  2. Das sieht doch so aus, als ob die Plackerei sich gelohnt hätte! Und du hast mich daran erinnert, dass ich mal wieder Lahmcum machen muss. Inzwischen ist es ja kühl genug, um stundenlang vor dem Ofen zu stehen 🙂

  3. 😀 An dem Beklopptsein ist was dran.
    Aber sie sehen, unschar oder nicht, göttlich aus und werden als alsbald von mir kopiert. Nach Pizza und Flammkuchen, mit beidem verbindet mich eine stete Liebe, ein Muss!

  4. Du bringst mich zum Lachen!
    Und es erinnert mich an ein die eigene Produktion eines Winteressens im schrillheißen Sommer. Eine Freundin hatte sich zum Geburtstag Rindsrouladen mit Kartoffelknödeln gewünscht. Ihr Geburtstag war Ende Juni und sie wohnte unterm Dach. Alleine das Kartoffelreiben für acht bis zehn Personen war schweißtreibend. Wir konnten den Nachmittag und Abend nur überstehen, weil wir immer wieder bis zu den Knien in eine Badewanne mit kaltem Wasser stiegen.
    Wider Erwarten war der Appetit dann doch erstaunlich groß.
    Dein Lahmacun mit Salat eigenet sich wenigstens als Gericht für den Sommer, wenn auch nicht seine Produktionsdetails.

    • ha! eine schöne anekdote, afra. eure aktion war ja besser als meine! und gibt es das rezept zu dieser geschichte bei dir? rouladen und kartoffelklöße interessieren mich immer. du machst mich neugierig.

  5. Pingback: Lahmacun | waehnerk

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