Chuseok, Mondfest, Erntedank oder wie auch immer

Herbstzeit ist wieder Chuseok-Zeit und Chuseok-Zeit ist wieder Charye-Zeit. Ihr wisst es vielleicht schon. Jeder große Feiertag in Korea beginnt morgens (ausschlafen ist nicht) mit einem großen gedeckten Tisch – das Ahnenritual für die Verstorbenen der Familie. Noch immer sind konfuzianisch geprägte Riten und Werte in der Gesellschaft fest verankert, obwohl Christen und Buddhisten die heutige Mehrheit in Korea bilden. Sie sind die Basis – der Kleber, der alles zusammenhält.

So progressiv und Technologie versessen die Koreaner manchmal auch sind, sie schaffen immer wieder den Spagat zurück zu den Ursprüngen ihrer Kultur. Der Grund warum, anders als der sprunghafte wirtschaftliche Fortschritt der letzten 25 Jahre, die Gesellschaft sich nur im Schneckentempo wandelt. Einige nennen sie traditionsbewusst, andere streng konservativ – hat man aber den wichtigen Stellenwert der nonverbalen Kommunikation erkannt (da kann ein JA schon mal ein NEIN bedeuten und eine gewisse Feinfühligkeit unausgesprochene Dinge zu „hören“ bzw. Erwartungen richtig zu erraten wird vom Gegenüber vorausgesetzt), dann kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen. Ich musste dort auch schon oft grübeln, um nicht als Gefühlsdumpfbacke aufzufallen…

Etwas länger gegrübelt habe ich ebenfalls bei diesen Bildern, ob ich sie hier überhaupt posten soll. Bilder vom Charye unserer Familie. Persönliche Bilder, irgendwie sehr persönlich sogar und daher auch besonders persönlich blurry. Aber euch wollte ich einen typischen Tisch (Jesa-Sang) nicht vorenthalten.

Die Speisen, die Menge (immer eine ungerade Zahl) und die Anordnung sind geregelt: in der ersten Reihe frische und getrocknete Früchte mit Süßigkeiten; die zweite Reihe getrockneter Fisch mit dem Kopf gen Osten, verschieden farbige Namul und ein Dessertgetränk aus Gerstenmalz und Reis (Sikhye); dritte Reihe Variationen von Jeon (Gebratenes s. Bild ganz oben) aus Fleisch, Fisch, Gemüse, Tofu und nochmals Fisch in gedämpfter Form; letzte Reihe der eigentliche Essensplatz mit Trinkschale, Reis, Suppe und Besteck, daneben ein ganzes Stück Fleisch (Steak und/oder ganzes Hähnchen) und gegenüberliegend Reiskuchen. Alle Speisen werden ohne Knoblauch und Chili zubereitet, um die diesmal gewünschten (guten) Geister des Hauses nicht zu vertreiben, aus gleichem Grund meidet man auch alle roten Speisen bis auf Früchte.

Je nach Anlass und Region variiert der Tisch ein wenig: zum Chuseok werden als Reiskuchen Songpyeon (süß gefüllt mit Sesam) serviert, zum Neujahrsfest statt Reis und Suppe einfach Tteok Guk und insgesamt weniger Banchan, zum individuellen Todestag kommen noch 1-2 persönliche Lieblingsgerichte der Verstorbenen hinzu.

An der Westküste werden zusätzlich Gulbi aufgetischt, mit Meersalz eingeriebene und in der Meeresbrise leicht getrocknete Yellow Croacker – eine Spezialität der Stadt Yeonggwang, die Heimat meiner Oma, und an der Ostküste oftmals ein gekochter Octopus.

Aber nur gucken, bloß nichts direkt vom Tisch naschen! Erst wenn die Zeremonie beendet ist, der Zettel mit den Namen der Verstorbenen draußen angezündet wurde und dabei in die Luft aufgestiegen ist, erst dann darf man die Speisen miteinander teilen, die sogar (wie soll es auch anders sein) Glück und Harmonie für die ganze Familie bringen sollen.

Nun, stellt euch vor, damit ihr trotzdem probieren könnt, habe ich da mal was vorbereitet (um es mit den Worten eines Johann Lafer zu sagen)…

Bald geht es hier weiter mit einer erneuten Namul-Trilogie passend zu Chuseok – Doraji, Gosari, Chwi Namul. Namul aus getrockneten Wurzeln und Blätter. Wer wissen möchte, was diese komischen Namen zu bedeuten haben, muss einfach nur hier abwarten. Oder kann sich derweil meine Frühlings Namul anschauen.

Und verpasst heute den RIESEN-Vollmond nicht! Wünscht euch was und ich wünsch’ euch was zum Wochenstart.

Auf bald und Happy Chuseok!

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13 Gedanken zu “Chuseok, Mondfest, Erntedank oder wie auch immer

  1. Wie immer: wunderschön zu lesen und aufschlussreich. In meiner Verwandschaft wurde nie ein Zettel verbrannt. Dafür (oder aus anderen Gründen, da muss ich mich mal erkundigen) eine Schüssel mit Reis und quer eingestecktem Löffel gewidmet. Außer das ein oder andere Ritual, das mir als katholisch erzogenem Teenie aus Europa nur befremdlich sein konnte, erweckt Chuseok schöne Erinnerungen an wallende Hanboks, selten freie Tage vom non-stop-Schulpauken, sattes Taschengeld, das Staunen darüber, wie jede einzelne Köstlichkeit mühe- und liebevoll zubreitet wurde. Heute weiß ich nicht einmal mehr, wenn Chuseok naht also dankeschön fürs erinnern und wünsche euch selber ein schönes Fest!

    • Danke Dir Su, wirklich “Chuseok feiern” ist etwas übertrieben, dafür bin auch ich zu sehr assimiliert. ;-) Ich kenne das mit dem Reis genauso, wollte nur nicht auf die Einzelheiten der Zeremonie eingehen.

      Und jetzt wo Du es sagst mit dem Taschengeld, warum war ich nie als Kind an Chuseok in Korea? Immer nur während der schwül-heißen Sommermonate mit Moskitos…
      Aber ich darf mich nicht beklagen, wurden trotzdem reichlich versorgt :-)

    • Wie noch nie im Herbst da? Da ist es doch neben der Blütezeit am schönsten in den Bergen! Meiner Meinung nach bieten nur zwei Monate im Jahr wirklich angenehmes Klima (dann aber auch höchst verlässlich) – April und eben um Chuseok herum. Also wenn es dich nicht abschreckt, dass du nun wohl mehr Geld verschenken müsstest, als zu bekommen, solltest du unbedingt mal zu der Festzeit dahin ;)

    • Jetzt wo ich nochmal drüberlese merke ich, dass du nur geschrieben hast, nicht als Kind dort gewesen zu sein. Pardon, wenn du schon längst den koreanischen Herbst kennst und ich es missverstanden habe. Auch Blogs sollte man nur bei Tageslicht und wachen Gedanken kommentieren ;) Bis bald wieder!

    • Och, würde ich nicht sagen, macht alles doch nur charmanter…;-) und jaaa, kenne den koreanischen Herbst gut, aber immer erst NACH Chuseok! So viele kleine Cousins und Cousinen (der Kleinste gerade in der Schule) müssten mit Taschengeld versorgt werden…:-)

  2. Spannend, gut geschrieben und schöne Bilder!
    “eine gewisse Feinfühligkeit unausgesprochene Dinge zu „hören“ wird vom Gegenüber vorausgesetzt”: in dieser Art Aufmerksamkeit sollte man sich üben, auch bei uns *-*

  3. Ich glaube ihr habt es drauf mit Essen zu Feiertagen! Holla die Waldfee!
    Ich finde es wunderschöne Tradition, dass man den Ahnen noch richtig gedenkt, hier in Deutschland ist das ja größtenteils verloren gegangen. Leider!

  4. Pingback: Ein Pferd, etwas Hangeul und Kung Fu Panda | missboulette

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