Sprichwörter und kulinarische Lektüre_Das Korea-Kochbuch

Ich wäre ja eigentlich für: Klappe zu und Ofen aus statt Affe tot. Finde ich viel logischer. Bei deutschen Sprichwörtern muss ich hilflos passen. Mir wurden sie in meiner Kindheit nicht aufgesagt. Wurde auf Entzug gestellt. Noch nicht mal koreanische Redewendungen gab es zu hören. Vielleicht faszinieren sie mich deshalb so sehr?

Worauf ich hinaus wollte: Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist – geht doch so oder? Hatte ich mir zumindest vorgenommen was die nähere Untersuchung eines Kochbuchs betrifft und dennoch sind schon über 6 Wochen vergangen, seit Das Korea-Kochbuch beim Jacoby & Stuart Verlag erschienen ist. Diese Diskrepanz zwischen eigenem Anspruch und Wirklichkeit – nennt man Alltag oder Leben?

Egal, nun Nägel mit Köpfen!

Ich habe das Buch von hinten nach vorne geblättert, mein furchtbarer Tick. Deswegen und nicht nur deswegen hasse ich Krimibücher, ich weiß ja immer schon wer es war. Da bevorzuge ich lieber gesammelte Aphorismen oder persönliche Anekdoten (bestenfalls noch vorgelesen von Feridun Zaimoglu, aber das Leben ist kein Ponyhof…).

Und dafür ist dieses handliche Kochbuch wie gemacht. Nicht wie insgeheim befürchtet ein Buch von 3 Köchinnen, die sich einfach zum gemeinsamen Kochen verabredet haben – der Brei und viele Köche. Nein, eigentlich sind es 3 kleine autarke Kochbücher in einem, von 3 unterschiedlichen Frauen mit ihrer ganz persönlichen Geschichte und Küche.

Minbok Kou, die mit ihrer deutschen Familie schon seit Jahrzehnten hier fest verwurzelt ist, zeigt uns eher milde, „massenkompatible“ Gerichte für Gäste und Einladungen. Die Rezepturen und Zutaten sind bereits an den europäischen Gaumen und die hiesigen Einkaufsmöglichkeiten angepasst – ideale Einstiegsgerichte für Neulinge.

Sunkyoung Jung pendelte oft mit ihrer Familie zwischen Deutschland und Korea. Ihre Rezeptauswahl ist die vielleicht ursprünglichste von allen dreien und zeigt die gesamte Bandbreite der beliebtesten koreanischen Klassiker – vom typischen Streetfood (Tteokboggi) bis hin zum aufwändigen Royal-Cuisine Gericht (Gujeolpan).

Yun-Ah Kim ist die Jüngste in der Runde und kocht eher unkomplizierte Alltagsgerichte – meist schnell und unzensiert scharf (bei ihrer Mengenangabe von Gochugaru/Chilipulver ist Vorsicht geboten, selbst für mich war einiges zu scharf).

Damit präsentiert das Buch abwechslungsreich sowohl (mehr oder weniger bekannte) Klassiker der koreanischen Küche als auch persönliche Familienrezepte. Und anstatt in üblichen Rezeptkategorien, werden die für die meisten doch exotischen Rezepte in einer persönlichen Anekdote kurz vorgestellt. Fast wie in (m)einem Blog.

Angenehm und praktisch für Einsteiger werden die jeweils passenden weiterführenden Rezeptempfehlungen sein, die ab und an gegeben werden. Ebenso eine sehr hilfreiche Zutatenlegende am Ende, die jede „exotische“ Zutat näher beschreibt. Alles sehr liebevoll und durchdacht.

Dies alles tröstet locker über kleine Stolpersteinchen hinweg, die mich manchmal stutzen ließen, wie die häufige Verwendung von Paprika im ersten Teil des Buches. Eine neumodische Erscheinung der koreanischen Küche seit den Neunzigern – vor allem von hauptstädtischen Hausfrauen und Restaurants schnell und hemmungslos adaptiert, um vielen Gerichten auf eine einfache Art eine gewisse Farbigkeit zu verleihen. Aber was koreanische Küche betrifft bin ich das, was der Herr Ratzinger für die katholische Kirche darstellt – konservativer Hardliner durch und durch – und sollte nicht überbewertet werden.

Zwei der Autorinnen kommen aus Jeolla-Do, die Heimat meiner Großmutter und Mutter. Die Region im Südwesten, reich an Agrarprodukten und Meeresfrüchten,  gilt als Reiskammer des Landes und ist für ihre vielfältigen, schmackhaften Speisen (und hervorragenden Köchinnen) bekannt. Von hier stammen Bibimbap (Stadt Jeonju) und sogar das Standardgewürz Gochujang (Stadt Sunchang). Die Küche, die ich am besten kenne und am meisten liebe. Kein Wunder, dass ich mich besonders mit den Rezepten von Sunkyoung Jung identifizieren konnte. Alle ihre Gerichte zähle ich ausnahmslos zu meinen eigenen Favoriten und teilweise schmeckt sie einige Marinaden exakt gleich ab. Sehr sympathisch.

Und nun Butter bei die Fische, sind sie es oder sind sie es nicht? Ja, die Rezepte sind größtenteils authentisch! Ha, jetzt ist es raus. Mehr noch, die Rezeptauswahl bietet genau den Überblick bzw. die Einführung in die koreanische Küche, die ich als Autorin auch gewählt hätte. Warum habe ich nicht ein solches Buch publiziert? Vor allem mit einer so genialen Illustratorin wie Tina Kraus an der Seite kann doch fast gar nichts schief gehen.

Ihre Bilder, direkt aus Alltagszenerien gegriffen und mit einer Detailliebe, die sich leider vielleicht nur Koreakennern erschließen wird, fesseln und fangen ein. Sie haben mich in der ersten Sekunde des Aufblätterns magisch nach Korea versetzt. So sehr, dass mich Fernweh/Heimweh gepackt hat, und ich sogleich die alte silberne Haarnadel meiner Halmonie herauskramen musste. Das einzige materielle Erinnerungsstück was mir von ihr blieb. Die Gedanken und Düfte sind zum Glück voll…

Und weil nun alles viel länger geworden ist als geplant, gibt es das Originalrezept zum Foto erst beim zweiten Teil. Ach, wer sich noch fragen sollte wer das schöne Layout gesetzt hat, wird über einen nicht ganz unbekannten Namen stolpern – es war die liebe Ariane von Kulinarische Momentaufnahmen.

To be continued…

Das Korea-Kochbuch
Von Minbok Kou, Sunkyoung Jung, Yun-Ah Kim
Mit Illustrationen von Tina Kraus
160 Seiten, geb., Flexcover
17 x 23,5 cm,
€ [D] 19,95 | € [A] 20,60 | SFr 28,50
ISBN 978-3-941787-43-8

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13 thoughts on “Sprichwörter und kulinarische Lektüre_Das Korea-Kochbuch

  1. Ich kauf Bücher ja gern auch mal nach dem Cover (jaja, ich weiß, ich bin ein typisches Opfer für Qualitätsblender), so wäre ich ohne deine Rezension vermultich an diesem Buch ohne weitere Beachtung vorbei geschritten ;o)
    Nach deiner schönen Beschreibung, überlege ich, ob ich meine Büchersammlung um das Thema Korea erweitere.
    Natürlich nur wegen der Vollständigkeit im Regal, authentische koreanische Rezepte kann ich ja schließlich jederzeit bei dir nachlesen… ;o)

  2. Die Leute von dem Verlag scheinen prinzipiell gute Kochbücher zu machen. Danke für die Rezension, steht als nächstes auf der Liste der To-Buy-Bücher :-) Und ich mag die Illustratoren, die sich beschäftigen. Machen soo coole Illustrationen!

    • Ich danke Dir erst mal ;-) Expertise ist vielleicht zu hochgegriffen? Habe mit größtem Interesse Deine bisherigen Koreaexkursionen verfolgt. Deine Meinung würde mich zu diesem Buch auch interessieren, vielleicht auch was für Dich/Euch aus einem anderen Blickwinkel?

  3. Oh ja, wir arbeiten schon dran. Natürlich. Patricia, die eine Schwäche für die koreanische Küche dran, kocht daraus. Ich bin auch gespannt, was sie schreiben wird. In der Tat der Blickwinkel ist als nicht “Native-Kocher” ein anderer. Authentizität können wir nur beschränkt einschätzen, daher war ich umso gespannter auf Deine Zeilen.

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