Nudelsuppe und Kleider

Früher wurde zu koreanischen Hochzeiten den zahlreichen Gästen immer Nudeln serviert, wahrscheinlich weil sie dort ein glückliches, langes Leben und Beständigkeit symbolisieren – alles was man unbedingt einem Hochzeitspaar wünschen sollte. Daher heißen diese Weizennudeln in schlichter Dashi-Brühe Janchi 잔치 (Fest) Guksu 국수(Nudeln) – obwohl ich sie immer mit der typischen Straßenküche assoziiere.

Wenn man einen der Nachtmärkte in Seoul entweder am alten Südtor (Namdaemun) oder Osttor (Dongdaemun) der Stadt besucht, stehen überall die Händler mit ihren dampfenden Behältnissen voller Brühe bereit, um ratzfatz eine heiße Nudelsuppe den Nachtaktiven zu servieren. Kurz und heftig geschlürft, kann man anschließend mit einem wohlig gefüllten Bauch seine Shoppingtour fortsetzen.

Die dünnen, weißen Weizennudeln heißen Somyun und sind in 1-2 Minuten fertig gekocht. Eine schnelle Küche also, sofern man mit der Dashi-Brühe aus Kombu, Zwiebeln und Myulchis (Anchovis) schon Vorarbeit geleistet hat. Aber so was kocht sich bekanntlich von alleine und ist so einfach, dass man kaum von einem Rezept sprechen kann. Als Topping wird ein Dressing aus Sojasauce, Schnittlauch, Sesamöl und Chili serviert, das dem Ganzen die nötige Würze verleiht.

Dieses einfache aber leckere Gericht hätte ich passenderweise zur Hochzeit des Jahrzehnts (einige emotionale Übertreiber sprachen sogar von der Jahrhundert-Hochzeit) servieren können. Ich hab’s gelassen, weil ich vermutlich zu sehr darauf fokussiert war, wie (den voreilenden Gerüchten zufolge) ein Alexander McQueen Brautkleid ohne Alexander McQueen aussehen könnte. Es war enttäuschend. Nicht, weil das Kleid nicht schön war; wir alle konnten zweifelsohne eine wunderschöne Braut in einem wunderschönen Kleid betrachten. Dieses Kleid war aber näher an Diors Linie Corolle der Fünfziger – besser bekannt als New Look – als an den avantgardistischen Silhouetten Alexander McQueens.

Seine Kollektionen hatten wir uns (noch zu teuren Collezioni und Gap Press Zeiten – Print nicht Online, nun unvorstellbar) immer bis zum Schluss aufgehoben – delayed gratification. Über seine Entwürfe diskutierten wir hoch her. Nur seinetwegen bin ich damals in den Film Gattaca gegangen, um mir die futuristisch-zeitlosen Kostüme anzusehen, die er als Kreativdirektor von Givenchy für Uma Thurman entworfen hatte. Galliano war nur ein begnadeter Verrückter, aber er war ein begnadeter Schnittführer. Das altehrwürdige Modehaus wurde unter seiner Leitung tonangebend und zum Impulsgeber für die ganze Branche, bevor es nach seinem Austritt wieder in der relativen Bedeutungslosigkeit versank.

Wer nun mehr von der fulminanten Handschrift – exzentrisch dennoch stets elegant – des posthum bis zur hintersten Sofaecke bekannt gewordenen Designers sehen möchte, hat ab morgen offiziell die Möglichkeit im Metropolitan Museum of Art. Suzy Menkes hat bereits über die Retrospektive Alexander McQueen – Savage Beauty berichtet, die bis Ende Juli gezeigt wird. Über seine Zeit bei Givenchy wird dort kaum eingegangen (gehört zur Konkurrenz LVMH, ach ja), aber seine unvergessenen Präsentationen, die von Robotern „bemalte“ Frühjahr-Sommer Kollektion 99 und das Hologramm-Finale aus 2006, sind natürlich Bestandteil dieser sicherlich sehenswerten Hommage.

Zur Einstimmung und zur Nudelsuppe gibt es Kate (Moss nicht Middleton) als Hologramm nun auch hier.


Janchi Guksu_dünne Weizennudeln in Dashi-Brühe

Zutaten 4 kleine Portionen

4 abgepackte Portionen Somyun oder Somen (japanisch)

Brühe:

15 Stücke Kombu (ca. 3×3 cm)

1 Zwiebel

15 Myulchis/Anchovis

1 Prise Zucker

ca. 1 L Wasser

1 Knoblauchzehe, fein zerrieben

wenig Salz

Dressing:

5-6 EL Sojasauce

2 EL Sesamöl

2 TL Sesamkörner

1 TL Gochugaru

etwas Schnittlauch oder Lauchzwiebel in Ringen

Zubereitung:

  1. Für die Brühe Wasser aufsetzen. Zwiebel schälen, in Ringe schneiden und mit Kombu und Myulchis ca. 15 -20 min köcheln lassen. Dabei Myulchis längs zur Hälfte aufbrechen und Inneres entfernen. Knoblauch, Zucker hinzu und mit Salz sehr leicht abschmecken (Sojasauce kommt noch).
  2. Alle Dressing-Zutaten zusammen verrühren.
  3. Kurz vor dem Servieren Nudelwasser aufsetzen und gewünschte Menge Nudeln nach Packungsanweisung kochen. Kalt abschrecken, in Schalen geben und mit der heißen Dashi-Brühe übergießen.
  4. Die Nudeln in der Brühe separat mit dem Dressing servieren. Je nach Geschmack teelöffelweise das Dressing über die Nudeln geben. Fertig! Mischen und genießen.

Tipps: Als Ersatz für Somyun können auch dünne Spaghettinis (Vogelnester) oder Reisvermicellis genommen werden. Und es darf geschlürft werden, wir sind ja unter uns!

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11 Gedanken zu “Nudelsuppe und Kleider

  1. Jetzt hab ich gerade mal in Deinem Profil nachlesen müssen, ob Du irgendwas mit Mode am Hut hast. Hast Du ;).

    Nudelsuppe mit guter Brühe ist für mich ein absolutes Wohlfühlessen. Da passt die Glücksymbolik schön dazu :D

    • Ja, die zwei Seelen in meiner Brust bzw. Kopf und Bauch. Mich plagen schon latente Gewissensbisse, weil ich doch eigentlich ein prädestinierter Fashionblogger wäre. Aber mein Bauch hat gesiegt…was das Bloggen betrifft! Das andere Thema überlasse ich den zumeist Geisteswissenschaftlern, die wenigsten sind Modefutzis.

    • Du, das klingt höchst interessant! Hätte darauf getippt, dass Du 교포 bist. Aber wenn Du in Korea die 고등학교 besucht hast, geht das ja nicht. Oder kann man einzelne Kurse besuchen? Gott, ich klinge viel zu neugierig, sorry!
      War nur wegen den Kursen, Einzelkurse interessieren mich immer – Kochen (!) nicht Haushalten. Von diesen Pre-Wedding Kursen, wo auch immer, halte ich mich lieber fern.

  2. Afra hat recht. Ich habe ja schon oft erfahren: Bloggen bildet! Im besten Sinne.
    (Wobei Blogs lesen und schreiben für mich aus demselben Muster geschneidert sind. Sind ohnehin meist dieselben Menschen.)

  3. hihi, noch was, das an mir einfach vorbeigegangen ist: pre-wedding-kurse :))) habe einige jahre schulen in korea besucht (wo neben dem büffeln ja bekanntlich kaum zeit bleibt, um das stadtleben zu genießen. von dem, was ich hier lese, kennst du dich besser aus ;) ) und der haushaltskurs war einfach so ein zwangslückenfüller, damit man auch ja seine 14 fächer zusammen hatte oder so.
    wir haben einen jeogori genäht und traditionelle gerichte gelernt /gekocht. mehr ist mir nicht hängen geblieben und die teezeremonien habe ich nicht mehr miterlebt. letzteres steht auf meiner must-do-liste.

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